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[Rezension] “Wunderland” – Tom Tirabosco

Im Wunderland von Tom herrscht die Zerrissenheit. Ständig befindet sich die junge Hauptfigur im Zwiespalt zwischen Furcht und Neugier, zwischen Fantasie und dem Druck der Realität - und auch zwischen einem Leben mit und ohne Behinderung. Eine Rezension.

Tom Tirabosco nimmt uns in seiner Graphic Novel mit zurück in seine Kindheit und Jugend. Anhand einzelner Anekdoten erleben wir prägende Momente und lernen vor allem die wichtigsten Menschen in seinem Leben kennen. Der größere Platz inhaltliche Platz nimmt vor allem seine Familie ein.

Das Cover zeigt unter Toms Bett eine riesige blaue Krake

 Leben mit einer Behinderung aus der Perspektive eines Bruders

Tom ist der Älteste von drei Brüdern. Ihm folgen Michel und Ricardo. Während Ricardo im Buch kaum erwähnt wird, entsteht zwischen Tom und Michel eine komplexe Beziehung. Michel lebt seit seiner Geburt mit einer Fehlbildung beider Arme und eines Beines, mit der er von Kleinauf offen umgeht. Durch den Blick als Bruder, der sowohl Nähe als auch einen gewissen Abstand zulässt, gelingt es Tom, die verschiedenen Facetten im Leben seines Bruders einzufangen. So erleben wir Michel als selbstbewusstes Kind, das auch gerne mal eine Rauferei anzettelt. Ein wenig später sehen wir aber auch, dass Ihm die ewigen Zurückweisungen und Hindernisse zu schaffen machen. Auch die Beziehung der beiden Brüder ist zwiegespalten. Auf der einen Seite empfindet Tom große Bewunderungen für seinen Bruder, der auch Operationen ohne Klagen wegsteckt. Auf der anderen Seite ist er immer wieder neidisch auf die starke Bindung zwischen seiner Mutter und Michel. Gerade diese Ambivalenz auf mehreren Ebenen erzeugt eine authentische Sichtweise, die es noch viel zu selten in der Literatur in Bezug auf Behinderungen gibt. Noch dazu räumt Tom seinem Bruder zwar einen großen Platz ein, aber er stellt ihn nicht in den Mittelpunkt seines Lebens. Mit Blick auf die sonstigen autobiographischen Erzählungen der Angehörigen von Menschen mit Behinderung, wirkt das sehr erfrischend. Immerhin geht es in der Graphic Novel um Toms leben, nicht um Michels.

Vater und Sohn – eine schwierige Beziehung

Die zentrale Figur in Toms Kindheit und Jugend ist sein Vater. Auch in dieser Beziehung ist der Zwiespalt nicht zu leugnen. Der Vater ist großer Fan von klassischer Kunst und Musik, deshalb fördert er schon früh die künstlerischen Interessen seiner Söhne. Während Michel die Musik für sich entdeckt, begeistert sich Tom für Comics und fürs Zeichnen.  Immer wieder leiden Tom und alle anderen aber auch unter den cholerischen Launen des Vaters. Mehr als einmal droht die Familie daran zu zerbrechen. Die schwierige Beziehung fängt der Autor besonders deutlich damit ein, dass der Vater zeitweise in der Gestalt des Teufels auftritt.

Große Panels, viele Grautöne

Blick ins Buch

Wunderland, Seite 29

 

Auch der Zeichenstil an sich gibt der oft angespannten Familiensituation einen guten Ausdruck. Tom Tirabosco verwendet für seine Panels viele Schwarz- und Grautöne. Das wirkt oft bedrückend, aber die Bilder bleiben haften. Die Linien sind verzerrt, was den Panels einen leicht verwaschenen Ausdruck gibt. Das passt gut zu Erinnerungen, die auch schon mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Die Graphic Novel lebt vor allem durch die Gestaltung größere Panels, von denen es zum Glück viele gibt. Manche gehen sogar über mehrere Seiten. Die Kleineren leiden hingegen ab und zu etwas unter der verzerrten Darstellung. Außerdem scheint der Autor kein großer Fan der Sprechblase zu sein. Zum größten Teil wird die Geschichte durch kurze Fließtextkommentare erzählt.

Fazit:

Tom Tiraboscos „Wunderland“ überzeugt vor allem durch seine Offenheit gegenüber der autobiographischen Familiengeschichte. Insbesondere die Darstellung seines Bruders Michel zeigt, wie komplex die Beziehungen sind. Durch die großen zeitlichen Sprünge zwischen den einzelnen Szenen bleibt das Gefühl, dass wir als Lesende allenfalls Schnipsel zu sehen bekommen. Optisch lebt die Graphic Novel vor allem durch die zahlreichen großformatigen Panels, die dem verzerrten Stil viel Platz geben. Grautöne setzt der Autor als Hauptfarben ein, die der emotionalen Erzählung einen passenden, ausdrucksstarken Rahmen bietet.

Empfehlung:

Ein Blick ins Buch lohnt sich für alle, die einen ausdruckstarken Zeichenstil mögen. Auch für Fans von autobiografischen Familiengeschichten oder Coming of Age Erzählungen lohnt sich die Graphic Novel durchaus. Sie sollten nur auf eine stark zusammenhängende Erzählweise verzichten können.

 

Wunderland von Tom Tirabosco

übersetzt aus dem Französischen von Claudia Sandberg

Avant-Verlag 2017

 978-3-945034-57-6

 

Die Graphic Novel wurde vom Verlag ohne Anfrage zur Verfügung gestellt.

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