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[Reblogging] Das erste Mal – Begegnungen

Der Geruch von Bier war das Erste, was ich von ihm wahrnahm. Natürlich stieg er mit mir ins gleiche Wagon und natürlich waren wir dort ausgerechnet an diesem Tag die einzigen Personen. Ich wusste, dass ich eine anziehende Wirkung auf betrunkene Personen hatte, die mir dann ihre ganze Lebensgeschichte auszwangen. An diesem Tag hatte ich darauf überhaupt keine Lust und vergrub mich sofort in meinem Buch.

Besonders geeignet für Begegnungen : Die Bahn
Bild: cc by wikipedia

Nach ein paar Minuten geschah dann, was passieren musste: Er sprach mich an. Ich seufzte innerlich auf und relalisierte erst ein paar Sekunden später, was er eigentlich sagte: Deine Ohrringe sind hübsch. Das war nicht das, was ich erwartet hatte. Ich bedankte mich und las weiter. Eigentlich war ich darauf gefasst, dass er jetzt zu seiner Lebensgeschichte ansetzten würde, aber die nächsten Minuten sagte er nichts, deswegen begang ich, ihn vorsichtig an meinem Buch vorbei zu beobachten. Er musste um die vierzig sein, war schlank und sah müde aus. Außerdem wirkte er etwas unruhig und nach den Geräuschen in seinem Rucksack zu urteilen, hatte er auf jedenfall mehrere Flaschen dabei. Irgendwann fragte er mich etwas zu meinen Buch, ich anwortete darauf und war schon wieder überrascht, dass er sich wirklich für mich zu interessieren schien.

Plötzlich war der Zug kaputt.

Ich bin zwei Jahre lang fast jedes Wochenende die gleiche Strecke mit der Bahn gefahren und nur dieses eine Mal geschah etwas. Der Zug ging mitten auf der Fahrt kaputt und wir mussten alle an einem fremden Bahnhof aussteigen. Natürllich war weit und breit kein Moblitätsservice zu sehen und ich war eigentlich völlig aufgeschmissen. Mein Mitpassagiere wich mir nicht von der Seite und tat sein Beste, um alles zu organisieren. Bis heute weiß ich nicht, was ich ohne ihn gemacht gemacht hätte. Außerdem unterhielten wir uns die nächsten zwei Stunden angeregt miteinander. Zum Schluss fragte er mich, ob er mir ein Bussi auf die Wange geben darf und ging die Bahnhoftreppe herunter.

Diese Begenung ist jetzt fast 10 Jahre her, bis heute frage ich mich, was wohl aus ihm geworden ist. Außerdem ist er meine persönliche Erinnerung daran, nicht sofort zu urteilen, wenn ich Menschen treffe, die mir nicht gleich super angenehm sind.

Das erste Mal

Auch als ich das neue Video von der Aktion Mensch zum ersten Mal sah, musste ich wieder an meine Zugbegenung denken, denn das Beste an diesem Video ist, dass man wirklich sieht, wie unwohl sich die meisten Menschen am Anfang fühlen. Das Konzept des Videos ist ein bisschen am Viral-Hit „First Kiss“ angelehnt. Menschen lassen sich für ein Werbespot casten, ohne genau zu wissen, worum es geht oder was sie machen müssen. Dann bekommen sie ein Castingpartner mit einem Handicap. Die ersten Gesichtsausdrücke sind unbezahlbar.

 

„Dann rollen wir jetzt eben weg!“

Diese ersten Reaktionen der Menschen ohne Behinderungen sind genau die Reaktionen, die ich im Alltag immer wieder beobachten kann. Von „Oh Gott, wohin schaue ich jetzt?“ bis „Ich will hier weg“ ist ja wirklich alles am Mimik vertreten. Protipp: Schaut euch das Video beim zweiten oder dritten Mal OHNE Ton an, dann fällt einem die Körpersprache noch mehr auf. Aber durch diese Schockmomente am Anfang sieht man auch super die Entwicklungen, die die Menschen im Video machen. Am Ende hat man ja bei den meisten Paaren das Gefühl, die sind seit jahren eng miteinander befreundet. Die zwei Paare, die meiner Menung nach die extremste Entwicklung durchmachen, sind „ältere Frau/ Rollifahrer „und „Gehörloser Mann/ junge Frau“. Gerade im Fall mit der Gebärdensprache sieht man, wie wichtig Sprache als Kommunikationsweg ist und wie hilfos man sich fühlt, wenn man eben nicht direkt darauf zurückgreifen kann. Eine Begegnungssituation, in die ich durch meine Sprachbehinderung auch im Ansatz immer wieder gerate. Bei dem zweitem Paar mit der älteren Frau und dem Rollifahrer (Hallo Volker! 😉 ) ist es einfach ein krasser Gegensatz wie angespannt die Situation am Anfang ist und wie locker die beiden am Ende miteinander umgehen. „Dann rollen wir jetzt eben weg“ ist für mich DER Satz im Video überhaupt!

Da „Begegnung“ das Jahresthema der Aktion ist, haben sie nicht nur dieses großartige Video produziert, sondern gleich eine ganze Webseite zum Thema gestaltet. Wenn ihr euch da ein bisschen umschaut, begegnet euch vielleicht sogar dort ein kleines Rollifräulein, Stichwort Quiz.

#Rollifräuleinmeets

Das Thema Begegnungen liegt natürlich auch mir besonders am Herzen, weil Begegnung einfach das Herzstück aller Versuche von Inklusion sind. Alle Vorurteile und Berührungsängste lassen sich so auf am einfachsten abbauen. Aus diesem Grund habe ich mir selbst eine Challenge gestellt: ich möchte dieses Jahr 100 Begegnungen in 100 Selfies festhalten und diese dann auf dieser Tumblr-Seite veröffentlichen. Zwei tolle Begegnungsselfies habe ich sogar gemacht dieses Jahr, also fehlen mir noch 98. Ich bin sehr gespannt, wer am Ende alles in dieser Sammlug sein wird. Wenn ihr vielleicht jetzt schon voll Lust habt, dabei zu sein, dann schreibt mir und wir schauen, wie, wann und wo wir uns begegnen können. Ich freue mich jetzt schon drauf, denn jede Begegnung kann ein Anfang sein!

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