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Glücklichsein. Eine Horrorstory.

Sei gefälligst glücklich. Das ist das Carpe Diem von heute. Wir sind alle so unglaublich verdammt glücklich, dass wir gar nicht mehr wissen, das es noch andere Gefühle gibt. Sei gefälligst glücklich, alle anderen sind es schließlich auch, also kann es nicht so schwer sein.

Wir hängen so sehr an dem Gefühl, glücklich zu sein, dass wir nach einer Apokalypse die erste Generation von lächelnden Zombies wären. Wir sind untot? Was solls, das Leben geht weiter!
Eine Einstellung, die schwer zu kritisieren ist, schließlich ist eine positive Lebensanschauung an sich etwas, das man sich bewahren sollte. Gefährlich wird es, wenn eine Sache dazu verwendet wird, eine Gruppe von Menschen auszuschließen oder Menschen dazu zu nötigen, vorzugeben etwas zu sein, was sie nicht sind.

Der lächende Zombie ist nur eine Apokalyse weit entfernt von uns.
bild: cc wikimedia.org

Manchmal bin ich nicht glücklich. Mehr noch, ab und zu bin ich sogar wirklich unglücklich, weil ich jemanden oder etwas vermisse, weil ich niemals aufstehen kann, um zu meinem Lieblingssong durch die Wohnung zu tanzen und manchmal brauche ich dazu noch nicht mal einen Grund. An manchen Tagen öffne ich morgens die Augen und bin einfach nicht glücklich. Macht mich das zu einen Sonderling, zu einen nicht normalen Menschen? Natürlich nicht, rein objektiv gesehen. Trotzdem fällt es mir jetzt schon schwer, diesen Absatz nicht sofort wieder zu löschen. Ich fühle mich ertappt dabei, etwas nicht richtig zu können. Irgendwas ruft in mir das Gefühl hervor, mein Leben falsch zu führen, weil ich nicht mit einen ständigen Dauerlächeln durch die Gegend laufe.

Besonders kritisch für mich ist es auch noch durch meine Behinderung. Das Paradoxe ist, dass die ganze Welt von mir erwartet, nicht glücklich zu sein und mir dadurch gleichzeitig jedes Recht am Unglücklichsein nimmt. Als Rollifräulein bin ich bunt, fröhlich, selten um einen lustigen Spruch verlegen und immer bereit zu zeigen, dass das Leben nicht zu Ende ist, nur weil man im Rollstuhl sitzt. Das ist keine Rolle, die ich spiele. Es ist nur nicht die ganze Wahrheit. Das lustige, bunte Rollifräulein gibt es wirklich und wird es auch immer geben, aber die Wahrheit ist, dass ich einfach noch mehr bin.
Ab und zu bin ich auch einfach die stereotype Rollifahrerin , die sich um ihr Leben betrogen fühlt und alles, und ich meine wirklich ALLES, zum Kotzen findet. Ich finde, dass das kein guter Wesenszug von mir ist, aber noch viel schlimmer finde ich, dass ich dazu genötigt werde, diesen Teil meines Charakter permanent zu verstecken. Aber wenn ich dies nicht täte, würde das Rollifräulein sehr schnell für 99% Prozent der Menschen unsichtbar werden. Sie wären einfach zu sehr damit beschäftigt, mich zu bemitleiden und sich mein ach so schreckliches Leben vorzustellen, um zu bemerken, dass es einfach nur ein Momentausschnitt ist und dass mein Leben zwischen den ganzen bunten Farben auch ein paar hell – und dunkelgraue Tupfer hat.

Wir müssen das Grau in unseren Leben nicht mögen, wir müssen es auch niemanden zeigen, wenn wir nicht wollen, aber wir müssen akzeptieren, dass es da ist. Nur wenn wir die Existenz anerkennen, können wir lernen mit diesen Tupfern umzugehen.

Die Natur würde nie auf die Idee kommen, alles Graue verschwinden zu lassen:  Wie entsteht ein Regenbogen ohne graue Regenwolken? Genau: gar nicht.
Also seid glücklich oder seid unglücklich, aber lasst euch nie eurem Regenbogen nehmen!

5 Kommentare zu Glücklichsein. Eine Horrorstory.

  1. Ich bin zwar nicht so „berühmt“ wie du, aber selbst mir begegnet diese Einstellung viel zu oft.

    Du hast mir aus der Seele gesprochen. 🙂

  2. Ich kann Sallys Kommentar nur zustimmen: Du sprichst mir aus der Seele. Jeder hat das Recht auf Scheißtage, Unglücklichsein oder Sambatanzen auf der Straße. Ich bin auch eher ein Typ à la „Das Leben geht weiter“, warum soll ich unglücklich sein? Aber es gibt mal Tage, Stunden oder auch nur Momente des Unglücklichseins, die man einfach ausleben und zeigen sollte.
    Interessant ist, Tanja, dass es mir als „Normalo“ manchmal ähnlich geht wie Dir, nur eben genau andersherum: Wie kann ich es wagen als gesunder, berufstätiger, geliebter Mensch mal unglücklich zu sein? „Guck dir mal die armen Leute im Rollstuhl an.“ Nee, nee, wir dürfen alle zu irgendeiner Zeit traurig oder/und unglücklich sein und das auch zeigen.
    Trotzdem folgt natürlich nach jedem Regen wieder Sonnenschein.

  3. Äh, Danny, sogenannte „Behinderte“ sind nicht „krank“. Sie sind „behindert“. Punkt. „Krank“ ist mensch mit Rollstuhl z.B. bei ner Grippe. Ansonsten ist auch eine Rollstuhlfahrerin „gesund“. Sie fährt lediglich Rollstuhl anstatt zu laufen.

    Insofern ist deine Selbstbeschreibung als „gesund“ genau dann falsch, wenn du dagegen „kranke“ sog. „Behinderte“ setzt. Du bist nicht gesunder als sog. Behinderte. Du bist lediglich nichtbehindert.

  4. @ Chaoskatze: Sorry, falls ich mich sprachlich nicht angemessen ausgedrückt haben sollte. Es war in keiner Weise abwertend gemeint.

  5. Danke für diesen mutigen Text!

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