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Wie ich einmal die Inklusion überlebte.

Wie ich einmal die Inklusion überlebte.

Jasmin Lehmann / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz (by)

„Okay, dann losen wir die Gruppen jetzt aus“
Ich zucke innerlich zusammen. Am liebsten hätte ich gesagt, dass ich nicht unbedingt mitmachen muss, obwohl ich mich wirklich darauf gefreut hatte. Aber ich sage nichts, sondern stehe stumm neben der Lehrerin und blicke auf dem Boden.  Ich muss nicht hinsehen, um zu wissen,  dass mich gerade etwa 25 Augenpaare anstarren und mich für schuldig erklären, dass sie jetzt nicht mit ihrer besten Freundin in einer Gruppe sind.
Spätestens in diesem Moment wird mir klar, dass die Rampe, die extra für mich gebaut wurde, nicht gleichzeitig heißt, dass ich wirklich dazu gehöre.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich 13 Jahre alt, gehe als einzige Rollstuhlfahrerin in die sechste Klasse einer Regelschule und stehe auf dem Markplatz von Wernigerode, wo wir grade auf Klassenfahrt sind. Auf dem Programm steht eine Stadralley, einer der wenigen Programmpunkte, an denen ich überhaupt teilnehmen kann. Vieles andere ist für den Rollstuhl ungeeignet. Diese Zeit verbringe ich allein mit meiner Pflegerin. Umso mehr habe ich mich auf die Stadtralley gefreut, nicht zuletzt, weil ich mich immer noch auf jede geistige Herausforderung stürze wie eine Verhungernde auf ein Stück Brot.

Vier meiner sechs bisherigen Schuljahre hatte ich auf drei verschiedenen Schulen verbracht. Alle drei Sonderschulen, an denen Lernbehinderte, Körperbehinderte und Geistigbehinderte oft zusammen unterrichtet wurden, dementsprechend niedrig war das Lernniveau und ich war heillos unterfordert. Trotzdem war ich dort glücklich gewesen. Ich hatte Freunde, bin mit Jungs „gegangen“, war zweimal Klassensprecherin, einmal sogar vertretende Schulsprecherin. Aber in mir drin wollte ich schon damals mehr. Aus diesem Grund war ich sehr begeistert, als es irgendwann endlich hieß, ich würde auf eine normale Schule wechseln.

Dort, auf dem Markplatz von Wernigerode, wo die Gruppen ausgelost werden mussten, weil jede Gruppe sich geweigert hatte mich aufzunehmen, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, dass ich für mein „Mehr“ möglicherweise einen hohen Preis zahlen musste.

Zum Glück habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen können, wie hoch der Preis wirklich sein würde.
Ich wusste nicht, dass in den nächsten 4 Jahren fast jede Gruppenarbeit ähnlich enden würde. Ich wusste nicht, dass ich viele Pausen alleine auf der Empore verbringen würde, beschäftigt mit der Frage, ob die Höhe reichen würde, um tödlich zu sein.
Auch konnte ich damals noch nicht ahnen, dass ich mal in einen Internetforum schreiben würde, dass ich nicht mehr aufhören kann, ständig zu weinen. Den Begriff Depression kannte ich noch nicht. Schlussendlich schrieb ich in meinem ersten Blog die Zeilen:

„in letzter zeit hab ich immer das gefühl.. das ich alle  leute nur noch nerve ..und vielleichts  wärs dann wirklich besser wenn ich  weg wäre … mist  jetzt kommen die tränen schon wieder …   ich meine klar würden  ein paar leute erstmal ne weile traurig  und  vielleicht sogar wütend auf mich sein …aber im endeffekt wärs dann für einige Leute bestimmt  leichter ….“

Kurz davor war ich 17 geworden und ich meinte jedes Wort genau so wie ich es geschrieben hatte.
Dass ich trotzdem nie ernsthaft versucht habe, mich umzubringen, liegt meine Meinung nach an drei verschiedenen Faktoren

  • meinem festen Irrglauben, dass die Menschen mich endlich anerkennen würden, wenn ich erstmal das Abitur hätte.
  • meinem Pflichtgefühl gegenüber meiner Familie
  • nicht zuletzt: dem Internet, wo ich über lange Zeit die menschliche Aufmerksamkeit fand, die ich in der wirklichen Welt so vermisste.

Natürlich kann man jetzt sagen, dass die Sache an sich gelungen ist, schließlich lebe ich noch und mit meinem Weg zum Masterabschluss gehöre ich sogar zu der sogenannten „Bildungselite“, etwas, das niemals möglich gewesen wäre, wenn ich auf einer Sonderschule geblieben wäre. Über diese Chance bin ich mir bis heute sehr bewusst. Aber ich kann auch sagen, dass man das Gefühl „es nicht wert zu sein, beachtet zu werden“ niemals wieder richtig los wird. Man kann lernen, damit umzugehen und es nicht ernst zu nehmen, aber es bleibt in einem drin wie ein Virus, der immer mal wieder ausbricht.

Mit jahrelangen Abstand kann ich jetzt bestimmt sagen, dass ich keinem bestimmten Schüler oder Lehrer die Schuld dafür gebe, dass es so gekommen ist. Es waren einfach viele kleine Räder der Überforderung oder vielleicht auch des „Nicht-Wahrhabenwollens“, die dazu geführt haben. Außerdem muss ich auch sagen, dass ich nie die aktive Form des Mobbings erlebt habe, ich wurde also nie körperlich angegriffen. Jahrelanges Ignorieren oder Missachten von allen Seiten ist aber nicht weniger schlimm, grade weil es nicht so leicht von aussen zu erkennen ist.

Aber gerade deswegen habe ich mich dazu entschieden, diesen Text zu schreiben und somit zum ersten Mal etwas genauer von meinen “ Schwarzen Jahren“ (Ich habe jede Form von Farbe damals gehasst) zu berichten. Dies mache ich bewusst auch gerade jetzt, wo die Diskussion über die Schulinklusion mit Fällen wie dem von Henri neu auflammt.
Um das nochmal deutlich zu sagen: ich bin für die Inklusion. Die Formel: Behinderung = Sonderschule darf nicht mehr gelten. Ich möchte auch nicht sagen, dass es immer zwangsläufig so laufen muss wie bei mir. Aber wenn alles schief läuft, KANN es so passieren. Wie bei jeder prinzipiell guten Sache, gibt es auch hier Risiken, über die aber zu selten geredet wird. Zum Glück ist das Thema Mobbing allgemein viel präsenter als in meiner Schulzeit und es wird heute mit vielen Sachen viel sensibler umgegangen.

Ich bekomme nur immer Bauchschmerzen, wenn es heißt, alle sollen/müssen auf die normale Schule.
Ich habe viele Schüler auf den Sonderschulen kennengelernt, die dort glücklich waren und die nach meiner Laieneinschätzung schon mit der Umgebung einer normalen Schule total überfordert gewesen wären. Warum sollen diese Kinder um Himmelswillen auf eine normale Schule?

Aber noch viel wichtiger: Die Diskussion der Inklusion müsste meiner Meinung nach nicht damit anfangen, ob eine Schule ein Kind aufnehmen will oder nicht. Die Frage müsste eher sein: Wie können Lehrer so darauf vorbereitet werden, dass sie die Inklusion wirklich wollen? Denn eins hat mir meine Geschichte gezeigt: Rampen und Aufzügen sind schnell gebaut, aber die wirkliche Inklusion fängt beim Wollen und beim Können an. So lange das nicht flächendeckend in den Köpfen angekommen ist, bleibt mein Motto vorsichtig: Inklusion ja, aber nicht um jeden Preis.

8 Kommentare zu Wie ich einmal die Inklusion überlebte.

  1. Ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit auf einem Spielplatz vor ach so vielen Jahren. Zusammen mit meinem Cousin, der „einfach nur“ kleinwüchsig ist, guckten wir den spielenden Kindern zu. Niemand guckte uns an, weil mein Cousin ja anders war. Irgendwann nahm ich ihn an die Hand und wir gingen zum Sandkasten. Die Kinder guckten uns fast schockiert an. So ein Kleiner konnte doch gewiss nicht spielen und Sandburgen bauen. Ich stellte meinen Cousin vor und meinte in die Runde, dass man mit ihm ganz toll spielen könne. „Wiiiirklich?“ kam die ungläubige Rückfrage. Mein Cousin wurde nach kurzem Argwohn in die Sandkastengemeinschaft aufgenommen, und alle haben zusammen gespielt und ohne Schäden überlebt.

    Ich frage mich manchmal, in was für einer armseligen Welt wir denn leben, wenn nach Äußerlichkeiten geurteilt wird. Mein Cousin (mein Held!) war aufgrund seines Krankheitsbildes vor ein paar Jahren auf den Rolli bzw. einen kunterbunten Rollator angewiesen. Wir als Familie kamen damit super klar, nur die Außenwelt nicht. Leute rannten beinahe davon, wenn wir irgendwo reinwollten. Vielleicht aus Angst, Unwissenheit – oder einfach nur Dummheit? Ähnlich wie ich 😉 quatscht mein Cousin schon mal fremde Leute an, weil er was erzählen möchte. Einmal hat ein Typ gar nicht reagiert, sondern verlegen, beschämt, doof weggeguckt. Mein Cousin, nicht auf den Mund gefallen, meinte nur: „Der hört mir gar nicht zu. Ist der dumm?“

    Wie dem auch sei, liebe Tanja, ich finde Deinen Beitrag hier phantastisch! Du hast völlig Recht: Inklusion hat nichts mit Rampen und breiteren Eingängen zu tun. Es geht um Wollen und Können und darum, den sogenannten „normalen“ Leuten mal die Augen zu öffnen, das Menschen wie Du und mein toller Cousin nicht nach Äußerlichkeiten be- oder vorverurteilt werden dürfen.

  2. Frau Rumpelwicht // Mai 1, 2014 um 3:18 pm // Antworten

    Hallo Tanja,

    was du da durchgemacht hast, ist furchtbar und zeigt, wie Inklusion NICHT funktioniert. Ich bin froh, dass du deinem Leben kein Ende gemacht hast und hoffe, in deinem Studium und weiteren Leben funktioniert die Inklusion besser.

    Ich habe in meiner Schulzeit allerdings eine genau gegenteilige Erfahrung machen können.
    Ich habe damals die 4. Klasse wiederholt und das war das Beste, was mir je passiert ist. Nicht nur, weil ich dann endlich mal mit dem Unterrichtsstoff mitkam, sondern weil ich in eine Inklusionsklasse kam. In dieser Klasse war Uwe. Uwe ist Autist und er war damals seit seinem ersten Schultag in dieser Klasse. Ich gestehe, er war mir ein bisschen unheimlich wenn er z.B. ein wenig hektisch und summend in der Klasse herumhopste. Aber ich habe mich schnell daran gewöhnt, denn für die anderen war Uwe war vollwertiges Mitglied der Klassengemeinschaft und es war ungeschriebenes Gesetz, dass niemand Uwe ärgerte. Ein Junge aus der Klasse hat immer in den Pausen auf ihn „aufgepasst“ und so war Uwe immer und überall mit dabei.

    Er konnte sogar – trotz seiner Probleme die er mit Veränderungen jeglicher Art hatte – mit auf Klassenfahrt kommen und es war nie ein Problem, ihn in einer Gruppe unterzubringen, denn Uwe war einer von uns. Ich habe das Damals noch nicht richtig zu würdigen gewusst aber ich weiß, dass ich großes Glück hatte in dieser Klasse zu landen, in der jeder gelernt hatte, dass jeder Mensch mehr oder weniger große Schwächen hat und man auf Schwächeren egal ob körperlich oder geistig einfach nicht herumhackt.

    Ich war leider nur ein Jahr in einer Klasse mit Uwe, da er nach der 4. nicht mit uns in die OS kam sondern dann auf eine Sonderschule ging, wo er besser gefördert werden konnte. Ich finde es heute schade, dass ich nicht schon früher in diese Klasse gekommen bin, denn ich hätte sicher noch weniger Scheu vor Menschen die „anders“ sind, wenn ich die erste Klassenfahrt in eine Behindertenschule hätte mitmachen können. Meine Freundinnen, die damals dabei waren, sagen sie provitieren von dieser Erfahrung noch heute.

    Allerdings war es auch gut, dass Uwe nach der 4. in eine Sonderschule kam, denn ich denke in einer Regelschule hätte er nicht gut genug gefördert werden können. Er war dann auch vor ein paar Jahren auf einem Klassentreffen dabei. Er ist – glaube ich – Tischler geworden und kommt in seinem Leben gut klar.

    Ich denke Inklusion an sich ist schon eine gute Sache und kann für alle Beteiligten ein Gewinn sein. Aber es sollte schon individuell gut überlegt sein, ob es funktionieren kann. Es ist ja schon ein Problem Förderunterricht für schwächere Schüler anzubieten weil Lehrkräfte fehlen. Eine ausreichende Einzelbetreuung für Inklusionsschüler mit geistiger Behinderung ist da wohl nur schwer zu gewährleisten.

    Und wenn man sich dafür entscheidet, dann sollte es möglichst in den ersten Schuljahren beginnen, denn dann ist man noch in einem Alter, in dem man Dinge auch einfach akzeptiert wie sie sind und nicht schon eine Meinung hat, wie etwas zu sein hat.

    Ich sehe das also wie Du: Inklusion an sich ja, aber nicht um jeden Preis und nur nach gründlicher Überlegung, was das Beste für den/die betroffenen Schüler ist.

    Liebe Grüße

    Rumpelwicht

  3. Liebe Tanja, ich kann das voll und ganz nach empfinden. Ich habe so eine Art Missbildung im Gesicht und ich bin auf der linken Seite taub und kämpfe jedes Mal gegen Missachtung und Ignoranz. Wenn mich Menschen sehen, sind sie geschockt. Entweder sie trauen sich nicht mich mal kennen zu lernen oder brauchen ewig bis sie sich daran gewöhnen. Ich habe gelernt und nie aufgehört trotzdem ein ganz normales Leben zu führen, auch wenn es jedes Mal ein Kampf ist. Ich studiere Jura und arbeite halbtags. Dieses Gefühl „es nicht wert zu sein, beachtet zu werden“ nicht richtig los zu werden, kenn ich. Ich bin Jahre lang Single und ich habe gelernt damit umzugehen, auch wenn es nicht einfach ist. Aber gewiss habe ich etwas bestimmtes gelernt…..Spass am Leben zu haben. z.b. Ich tanze Ballett und ich habe viel Freude daran und das lass ich mir auch nicht nehmen.
    Paar Jahre ist es schon her, aber an einem Ereignis erinnere ich mich auch…ich war mit einer damaligen Freundin unterwegs feiern, wir waren in einer Kneipe und haben etwas getrunken. Ich war schon ein wenig angetrunken und jemand frage mich woher ich denn komme, so wie ich aussehe. Es ist mir einfach nur ausgerutscht, ich antwortete „Ich bin aus dem Weltall und mein Raumschiff steht draußen“. Derjenige hat nur doof geguckt.
    Und auch ich gebe dir Recht, Inklusion hat nix mit irgendwelchen Baumaßnahmen zu tun, Inklusion ist viel mehr. Inklusion heißt Akzeptanz im Kopf. Solange nur toleriert wird, kann keine Inklusion im Kopf entstehen. Es ist ein langer Weg dort hin, aber Schritt für Schritt wird es gelingen bis Menschen mit Behinderung zur Normalität gehören.

    Ich muss sagen, liebe Tanja, ich finde dein Beitrag und dein Tun einfach nur klasse….Menschen wie Du und ich sollten nicht die Freude am Leben verlieren….:-)

  4. Sehe ich ganz genauso! Mein jüngster Bruder (33 Jahre) ist schwer geistig behindert, es hätte nicht nur keinen Sinn gehabt, ihn auf einer „normalen“ Schule unterrichten zu wollen, er hätte sich dort vermutlich auch gar nicht wohlgefühlt, weil er auch ziemlich lärmempfindlich ist und lieber mit wenigen ruhigen Menschen zusammen ist als mit einem ganzen Haufen krachschlagender Kids. Er war auf der Sonderschule für geistig Behinderte gut aufgehoben. Seit 13 Jahren arbeitet er in einer Behindertenwerkstatt und seit zwei Jahren wohnt er in einer Wohngruppe mit anderen geistig Behinderten und den Betreuern. Er fühlt sich dort pudelwohl und ist glücklich und zufrieden. Nicht nur das, er hat in den zwei Jahren enorme Fortschritte in seiner Entwicklung gemacht, die ich ihm ehrlich gesagt nie zugetraut hätte! Zuhause unter lauter nichtbehinderten Familienmitgliedern schien ihm das nicht möglich zu sein. Manche Menschen brauchen einfach keine „Normalos“ um sich! Bei Körperbehinderten sieht das sicher schon etwas anders aus, aber man muss eben sehen, was wirklich das Beste für die jeweilige Person ist, und nicht etwas vom Zaun brechen wollen nur um des Prinzips willen. Sobald Inklusion zur Ideologie wird, wird es problematisch.

  5. Unsinn – dir mag es vielleicht so ergehen haben!

    Ich landete nach einem Unfall mit 15 Jahren im Rollstuhl…2 Jahre musste ich auf einer Förderschule verbringen, das hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht, hat mich sogar noch zurückgeworfen. Erst als ich danach auf ein Berufliches Gymnasium (keine Förderschule!) kam, blühte ich auf.

    Ich finde, es sollte beides geben, allerdings sollten Schüler die Wahl haben. Wer nicht auf eine Förderschule gehen will, soll dass auch nicht.

  6. Liebe Tanja,
    als eine total Unsportliche in einer von Sport begeisterten Klasse wurde ich immer zuletzt gewählt bzw. selbst das nicht, sondern musste selber aufpassen, welche Gruppe das „Un“Glück hatte, mich als Mitspieler im Sportunterricht zu haben. Dieser Spießrutenlauf vom Lehrer initiiert war für mich die Hölle, obwohl ich mich immer so gegeben habe, dass es mich nicht stört. Ein so vom Lehere antrainiertes Bild von einem Mitschüler lässt sich auch außerhalb des Sports nur schwer abstellen.

    Sicherlich fragst Du Dich, was ich als „Normalo“ damit ausdrücken will. Wenn es gesunden Kindern schon so in unserem Schulsystem geht, wie wollen wir dann reibungslos Behinderte integrieren. Die Lehrer müssen so ausgebildet werden, dass sie den Schülern Respekt vor Schwächeren beibringen. Nicht Ausgrenzen und Verachten sollte gelehrt werden, sondern Helfen und Hinterfragen. Bei mir hätte man so schnell gemerkt, dass ich einfach Angst vor der brutalen Spielweise meiner Mitschüler hatte. Hätte man nicht immer mit voller Wucht auf mich draufgeschossen, hätte ich vielleicht auf Dauer die Angst vor Scherzen abgelegt und wäre vielleicht doch noch ein wertvoller Mitspieler geworden. Sicher hätte mir auch ein Sportunterricht nur mit Mädchen gut getan….

    Es gibt sicher viele gute und verständnisvolle Lehrer, aber ich fürchte, in unserer Gesellschaft, wo nur der Starke und Dominante zählt, werden wichtige Fähigkeiten für die Inklusion bislang zu wenig gelehrt oder gefördert. Momentan orientiert man sich an dem Besten, denn der soll nicht in seiner Entwicklung gehemmt werden, soll sich nicht langweilen. Das ist auch richtig, aber dann ist keine absolute Inklusion z.B auch von geistig Behinderten möglich. Hier sollte noch einmal wirklich darüber nachgedacht werden, was das Ziel ist.

    Meine Meinung ist, körperlich Behinderte sollten ohne Frage integriert werden. Der Lehrer sollte den anderen Schülern beibringen, was Respekt wirklich heißt. Damit eine weiterführende Inklusion möglich wird, müssen die Lehrer aber auf jeden Fall dementsprechend ausgebildet werden und die Klassengröße muss wieder sinken. Dann wird erst eine Lehrn-Atmosphäre entstehen, in der sich ein schwacher oder behinderter Schüler wohlfühlen kann und nicht untergeht.

    Ich bin Dir sehr dankbar, dass Du Deine Geschichte geteilt hast, obwohl sie sehr scherzhaft für Dich war. Ich bin froh, dass Du Dich fürs Leben entschieden hast, obwohl auch Dein weiterer Weg bestimmt nicht leicht sein wird. Ich bin aber sicher, dass Du Dich auch weiter durchbeißen wirst, so wie ich Dich kennengelernt habe. Zeig es Ihnen allen! Viele Deiner ehemaligen Klassenkameraden haben es bestimmt nicht so weit wie Du gebracht, obwohl es für sie vielleicht einfacher gewesen wäre. Vielleicht tut es einigen mittlerweile auch leid, was sie Dir angetan haben. LG mach weiter so! Sei stolz auf Dich!

  7. Die wirklichen Hürden sind in den Köpfen der Menschen. Da helfen auch Rampen und Aufzüge nicht weiter. Ich fände es gut, wenn jeder Mensch die Möglichkeit hätte die Schule zu besuchen, die er/sie besuchen möchte. Unabhängig von körperlichen Einschränkungen oder Grenzen in den Köpfen körperlich nicht eingeschränkter Menschen. Jede/r sollte dieselben Möglichkeiten haben sich und seinen Intellekt entfalten zu können, wie es ihr/ihm gegeben ist und nicht durch Sonderbehandlung gemindert werden. Aber du hast Recht, liebe Tanja, Inklusion nicht auf Biegen und Brechen und um jeden Preis (wobei ich hier nicht von Geld rede). Sondern auf Kompetenzen setzen: Lehrer, Mitschüler, Eltern der Mitschüler etc. einbinden, Ängste und Vorurteile abbauen, Hilfe zur Hilfe anbieten …
    DU machst deinen Weg und bist dadurch auch ein Vorbild für andere – sei stolz auf dich! Und immer schön bunt leben 🙂

  8. Ich könnte jeden deiner Gründe auch unterschreiben, obwohl ich nicht körperbehindert bin. Ich leide seit meinem 24ten Lebensjahr an Depressionen, war schon fünf Mal in der Psychiatrie. Wenn ich für jedes Mal wo auch ich diese Gedanken hatte, einen Euro bekäme, könnte ich, glaube ich, dafür sorgen, dass Krebs bekämpft werden könnte. Und leider sind es bei mir fast mehr meine Angehörigen, die dies nicht als Krankheit akzeptieren können, als andere. Man sieht mir ja auch nichts an. Da heißt es dann ganz schnell: „Jetzt reiß dich endlich mal zusammen; jetzt stell dich nicht so an…“ oder andere solche Sätze. Meine Mutter hat mir einmal gesagt. „Ich hätte als junge Frau so viele Gründe gehabt für Depressionen, aber ich hatte einfach keine Zeit dazu.“ Als wenn man sich das selber aussuchen würde. Ob sie sich wohl ausgesucht hat, als ältere Frau Diabetes zu bekommen? Das ist fast das Gleiche. Beides sind Stoffwechselerkrankungen, die eine vom Gehirn, die andere von der Bauchspeicheldrüse. Leider weiß das fast keiner. sonst würden viele vielleicht anders darüber denken. Liebe Grüße Dorothea Brey.

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