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Toleranz ist kein Geschenk!

Gerade im Zuge der Inklusion wird heute an jeder Ecke Toleranz gegenüber Menschen mit Handicap gefordert. Diese Forderungen sind richtig und wichtig, denn durch Behinderungen werden Menschen auf irgendeinen Gebiet des Lebens zu "Menschen mit besonderen Bedürfnissen", wie es im Neu-Deutschen heißt. Diese besondere Bedürfnisse dürfen zumindest in der Theorie nicht dazu führen vom gesellschaftlichem Leben ausgeschloßen zu werden. Also muss im besten Fall Akzeptanz her, mindestens aber Toleranz.

Ein Rollstuhlzeichen, das sich spiegelt

cc by https://www.flickr.com/photos/shannonclark/

Und ja, es stimmt, mein Umfeld muss neben meinen charakterlichen Eigenschaften auch noch eine Menge Dinge tolerieren, die mit meiner Behinderung zusammenhängen. Etwa, dass ich ziemlich langsam rede und auch in vielen anderen Dingen langsamer bin als andere. Oder dass man mich nicht laut ansprechen oder Türen knallen darf , weil ich bei jedem Knall oder lauten Geräusch zusammenzucke. Natürlich müssen gerade meine Freunde tolerieren, dass jede Unternehmung mit mir zumindest ein Mindestmaß an Planung bedarf (Ist der Ort barrierefrei? Wie kommen wir dahin? Brauche ich dabei Assistenz? etc.).

Diese Liste könnte ich noch beliebig verlängern. Der Punkt ist, dass meine Behinderung viele Dinge kompliziert macht und deswegen kann ich es nur gut finden, dass die Menschen langsam eine Toleranz gegenüber diesen Dingen entwickeln und mich totzdem als Teil der Gesellschaft sehen wollen.

Etwas, was kaum im Bewusstsein der Gesellschaft ist, ist die Tatsache, dass Toleranz eine Münze mit zwei Seiten ist.

Menschen mit Behinderungen fordern nicht nur Toleranz, wir tolerieren im Gegenzug auch jeden Tag Menschen OHNE Behinderung!

Dass mag für einige etwas verrückt klingen , schließlich sind Menschen ohne Behinderung die große, ideale Masse – Was muss man da schon tolerien? Die Wahrheit ist: nur weil die Menschen ohne Behinderung in der Überzahl sind und somit dem Konstrukt der Normalität entprechen, bedeutet das nicht, dass sie mein Leben nicht komplizierter machen als es sein müsste und somit von mir toleriert werden müssen.

Ich muss Menschen tolerieren,  die Fahrstuhltüren vor meiner Nase schließen, obwohl sie ebenso gut die Treppe nehmen könnten und ich dann nicht minutenlang warten müsste.

Ich muss tolerieren, dass Menschen mich anstarren, weil ich eben anders bin.

 Trotz Bachelor Abschluss muss ich tolerieren, dass Menschen mit mir wie mit einer 5 Jährigen reden, weil sie es nicht besser wissen.

Ich muss tolerieren, dass meine Assistenten ein eigenes Leben haben und ich zum Beispiel nicht immer spontan entscheiden kann, ob ich heute bis 3 Uhr morgens party machen will.

Ich muss tolerieren, dass manche Leute meinem Freund eine Ehrenmedalie verleihen würden, weil er mit mir zusammen ist. Sie meinen es ja nur gut.

Auch diese Liste könnte ich noch beliebig verlängern.

Einige Menschen werden sagen, dass ich längst nicht alles tolerieren müsste, was auf dieser Liste steht. Natürlich könnte ich Jedem, der die Fahrstuhltür vor meiner Nase schließt, in die Hacken fahren. Oder jede/r VerkäuferIn / ArzthelferIn/ Etc darauf hinweisen, dass ich sie/er ihr/sein Sprechtempo nicht an meines angleichen muss, damit ich verstehe was sie/ er sagt.  Das könnte ich alles machen, dann wäre mein Leben bestimmt weniger unfair, aber auch 1000 mal anstrengender. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, mich über jede Fahrstuhltür aufzuregen, weil ich kein Leben voller Ärger und Wut möchte. Mit den meisten Dingen habe ich mich inzwischen auch arrangiert. Zum Beispiel plane ich irgendwann ein Bildband über die „Dümmsten Blicke“ herauszugeben 😉

Ich bin auch nicht bemitleidenswert oder gar eine Heldin, weil ich so viele Dinge tolerieren muss. Im Wesentlichen lebe ich nämlich nur mein Leben und versuche das Beste dabei herauszuholen.  Aber ich würde mir wünschen, dass die Menschen folgenden Punkt verstehen und verinnerlichen:

Toleranz ist kein Geschenk, dass man jemanden mit Handicap macht. Es ist auch kein Großmut, oder eine wohltätige Handlung.

Es ist ein Handel. Es ist ein Geben und Nehmen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

 

 

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