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Warum der „Schwer-In-Ordnung-Ausweis“ keine Inklusion ist

Seit Monaten begegnet mir in den Medien immer wieder ein Thema: Der "Schwer-In-Ordnung-Ausweis". Am Anfang habe ich ihn mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen, mittlerweile bin ich aber nur noch davon genervt. Warum das so ist, erkläre ich in diesem Kommentar.

Der Schwerbehindertenausweis ist in Deutschland ein offizielles Dokument, dass alle Menschen mit einer Behinderung beantragen können, deren Behinderungsgrad bei 50% oder höher liegt. Der Grad misst dabei die Schwere der körperlichen, seelischen oder geistigen Behinderung. Die Inhaber und Inhaberinnen eines solchen Ausweises können verschiedene Nachteilsausgleiche bekommen, zum Beispiel als Eintritsrabatte bei Veranstaltungen.
Soweit die Theorie.

 

Der Ausweis von Hannah in der Hülle mit dem "Schwer-In-ordnung" Aufdruck

KIDS Aktuell Nr. 36 / Herbst 2017, S.17

Wie der „Schwer-In-Ordnung-Ausweis“  entstand

Die 14 Jährige Hannah hatte im letzten Jahr die Idee, ihren „Schwerbehindertenausweis“ in einen „Schwer-In-Ordnung-Ausweis“ umzubenennen. Ihre Heimatstadt Hamburg war davon so begeistert, dass sie die Idee aufgriff und Hannah tatsächlich ihren „Schwer-In-Ordnung-Ausweis “offiziell bekam. In Wirklichkeit bekam sie symbolisch nur eine Hülle für ihren Ausweis, auf der die Worte „Schwer-In- Ordnung-Ausweis“ aufgedruckt sind. Das Medienecho war riesig. Dann kam der Plan auf, die Umbenennung auch für andere zu ermöglichen. So drucken inzwischen neben Hamburg auch die Behörden in Rheinland-Pfalz und Brandenburg diese Hüllen.

In meiner Kritik geht es nicht darum, dass Hannah diese Idee hatte. Auch nicht darum, dass es nun möglich ist, diese Hüllen zu bekommen. Einzelnen Kindern und Jugendlichen mag die Möglichkeit sogar helfen, Selbstbewusstsein aufzubauen. Alles okay.
Was nicht okay ist: Die Berichterstattung der Medien und der Politik, die die Idee immer wieder als ein Symbol der Inklusion verkaufen. Wer in der Umetikettierung des Schwerbehinderungsausweises ernsthaft ein Zeichen der Inklusion sieht, hat die Gedanken hinter der Inklusion gleich auf mehreren Ebenen nicht verstanden.

Behinderung geschieht von außen

Hinter der Austauschbarkeit der Begriffe „behindert“ und „Schwer in Ordnung“ steht die Idee, dass die Behinderung eine persönliche Aussage über die einzelne Person trifft. Dieser Ansatz steht in der Tradition des „medizinischen Modells“. Im Mittelpunkt dieses Modells steht die Annahme, dass die Behinderung ein persönliches Problem ist. So soll jeder Mensch die Behinderung mit Therapien oder sonstigen medizinischen Mitteln selbst beheben. Diese Theorie gilt als veraltet.

Schon seit einigen Jahrzehnten versuchen die „Disability Studies“ das sogenannte „soziale Modell“ voranzubringen. Im Zentrum des sozialen Modells steht zusammengefasst diese Aussage: „Ich bin nicht behindert, ich WERDE behindert.“ Es bedeutet also, dass die Behinderung kein individuelles Problem ist, sondern das es äußere Umstände wie z.B. Treppen gibt, die Menschen behindern können.

Behinderung ist neutral

Außerdem hat das Wort „Behinderung“ hat von sich aus keine negative Bedeutung. Es ist die Beschreibung eines Zustandes. Nicht mehr und nicht weniger.  Die negative Auffassung des Begriffs „Behinderung“ entsteht erst dadurch, dass das Wort so oft im falschen Zusammenhang gebraucht wird. Zum Beispiel als Beschimpfung oder als Synonym für „nichts können“ oder „nicht leistungsbereitsein“. Aber auch die von den Medien so geliebte Phrase „Trotz Behinderung …“ trägt dazu bei, dass der Begriff aktuell nicht neutral gebraucht werden kann. Um dies zu ändern, hilft kein Austausch von Begriffen. Was hilft: Wenn wir alle und besonders die Medien solche Worte bewusster einsetzen.

Inklusion braucht Taten

Besonders als Literaturwissenschaftlerin und Germanistin weiß ich natürlich, wie wichtig Worte sein können. Bei der Inklusion geht es aber eben nicht nur um Worte, sondern besonders um Taten. Dass Deutschland bei der Umsetzung der Inklusion weit hinterherhinkt, zeigt sich nicht nur bei der täglichen Diskussion um die Schulbildung. Das Versagen der Politik wurde erst vor 3 Jahren offiziell festgehalten, als ein UN-Ausschluß uns schlicht und einfach eine mangelhafte Note in Sachen Inklusion gab. Hintergrund war die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 (!!!) unterzeichnet hat. Im Alltag stoßen wir Menschen mit Behinderung immer noch und immer wieder an Barrieren, die wir anfassen können. Genauso gibt es jedoch auch die  Barrieren, die sich nicht selten im Kopf einer anderen Person befinden. Oft genug sitzt diese Person sogar in einer Behörde, die über unser Leben entscheidet. Um unser Leben einfacher zu gestalten, braucht es also leider doch mehr als ein kleines Stück Plastik, dass mit Worten bedruckt ist, wie auch unter vielen anderen der Tweet von andersbunt zeigt – mehr Alltagsbarrieren sammelt der Hashtag #beHindernisse auf Twitter:

Die drei verschiedenen Ebenen zeigen deutlich, dass der „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ in den meisten Fällen ein bloßes Alibi und Beruhigungsmittel für die Politik  und viele Behörden ist.

10 Kommentare zu Warum der „Schwer-In-Ordnung-Ausweis“ keine Inklusion ist

  1. hallo zusammen, gestern habe ich erstmals von der geschichte „schwer-in-ordnung-ausweis“ gehört. ich finde die idee und die aktion von dem mädel wirklich sensationell, was daraus gemacht wird steht auf einem anderen blatt. ich plane (in der gründungsphase) ein wohnprojekt (köln/rheinland/ruhrgebiet), bin an parkinson erkrankt und schlage mich mit dem begriff „pflegebedürftig“ herum. das ist ja die selbe geschichte. für den untertitel des projekts habe ich ausgetüftelt: gemischt bedürftig u. multikompetent. im grunde ist die sprache bzw. die anwendung derselben durch und durch gefärbt, verdummend, gewaltvoll und ähnliches. ich habe auf meiner web-seite etwas zu der ausweis-geschichte geschrieben, auch über das reizwort „pflegebedürftig“.

    hier ein auszug zu dem thema ausweis: daß die behörden die ganze geschichte mit dem „schwer-in-ordnung-ausweis“ „herzerweichend“ finden, an dem schwerbehinderten-original natürlich festhalten und die „sozial“senatorin meint, menschen mit behinderung „empfinden“ sich als ganz normale menschen, zeigt wie schwerbehindert die denkweise dieser leute bzw. dieses systems ist. der staat und seine vertreter/innen mögen sich ja vielleicht als „sozial“ „empfinden“, ist die frage, ob sie das auch tatsächlich sind. gelegentlich kann da allerdings der eindruck entstehen, daß die bezeichnung „asozial“ zutreffender wäre.

    weiteres zum thema und zum wohnprojekt hier: radundtat.wordpress.com – paul hansen (wenn die nennung einer web-seite hier nicht gewünscht ist, dann bitte die web-adresse löschen)

  2. Ich finde das Vorgehen der Medien oft eher als hinderlich.
    Irgendwo aufgeschnappt und für gut befunden:
    „Inklusion findet statt, wenn es kein Wort dafür braucht“

  3. Michael Kaulich // März 7, 2018 um 11:03 pm // Antworten

    1. Als Germanistin sollten Sie in der Lage sein, das wohl ein dutzendmal gebrauchte Wort ‚Inklusion‘, das mir überhaupt nichts sagt, durch einen verständlichen deutschen Begriff zu ersetzen.
    2. Eine Behinderung ist eine Krankheit und nicht, wie Sie sagen, ein Problem der Gesellschaft. Wenn ich mir ein Bein breche, bin ich krank und behindert, aber nur ich persönlich und sonst ist niemand daran schuld und dafür verantwortlich.
    3. Wer ’schwer in Ordnung‘ ist, der braucht keinen Schwerbehindertenausweis, der ist nämlich für Leute gedacht, die es nicht sind.
    4. Ich bin auch ’schwer in Ordnung‘. Darf ich nun ebenfalls die Vergünstigungen diese Ausweises in Anspruch nehmen? Sofern diese Formulierung staatlich legitimiert wird, stünde mir sogar der Klageweg offen.

    • Rollifraeulein // März 8, 2018 um 12:21 pm // Antworten

      Lieber Michael,
      da Sie mich persönlich ansprechen, möchte ich Ihnen auch antworten.

      1. Inklusion meint, das selbstverständliche Zusammenleben von Menschen, ohne dass jemand dabei in seinen Rechten benachteiligt oder diskriminiert wird. Leider gibt es bisher keinen anderen Begriff, der das Ganze so gut zusammenfasst wie die „Inklusion“. Das hat nichts mit meiner Ausdrucksfähigkeit zu tun. Ich habe selbst schon Überlegungen zu einem passenden Synonym angestellt, die sie hier gerne nachlesen können: http://thabs.de/kratzige-inklusion/

      2. Eine Behinderung ist keine Krankheit. Das Sozialgesetzbuch spricht ab einen dauerhaften Zustand von 6 Monaten von einer Behinderung. Da fällt ein Beinbruch in den meisten Fällen nicht drunter. Natürlich sind Sie durch ein Beinbruch persönlich eingeschränkt und haben Schmerzen. Es sind aber die Barrieren von außen, die ihr Leben dann kurzfristig schwierig gestalten. Etwa durch Treppen, Bordsteinkanten oder ähnliches. Ich muss mit diesen Barrieren täglich kämpfen. Wenn aber alles darauf eingerichtet wäre, dass es auch Leute gibt, die nicht laufen können, wäre ich nur körperlich in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt aber nicht in meinem Leben behindert.

      3. für mich ist eine Behinderung eine soziale Einordnung. Die Beschreibung „Schwer in Ordnung“ ist eine persönliche Einordnung. Beide können für mich problemlos auf die gleiche Person zutreffen. Schade, dass Sie das scheinbar nicht für möglich halten.

      4. Damit unterstützen sie meine Kritik zum Ausweis. Vielen Dank.

      Viele Grüße
      Tanja

  4. lissi bettina köchling // März 7, 2018 um 5:41 am // Antworten

    das mädel kam wohl auch durch ausgrenzung auf diese idee. ausgrenzung kann auch sehr subtil sein: z.b.blieke die vermitteln: „du gehörst hier nicht hin“. ihre idee wird nun vermarktet und gefeiert, lenkt sie doch so wunderbar ab von der realität, in der behinderte leben. von der behörden. und kassenwillkür bis zum oft unüberwindbaren, immer anstrenhenden alltag. ich bin jedenfalls jetzt, mit mitte 60, körperlich und seelisch hart an der grenze zum kapitulieren, müde und körperlich ein wrack.

  5. Ich bin weder schwer noch in Ordnung…ich bin schwerbehindert. Behindert von diesen Menschen, die sich um unsere Belange kümmern sollen und wirklich weit ab von Vorstellungen sind wie man mit einer Behinderung lebt.

  6. Danke, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt!
    Ich bin voll und ganz auf Ihrer Seite.

  7. lissi bettina köchling // März 6, 2018 um 5:30 am // Antworten

    dieser „kreative“ auswuchs wäre nie entstanden, würde die un-behindertenkonvention erfüllt.
    besonders behörden glänzen dadrin, je nach vorteilslage das attribut „schwerbehindert“ beliebig auszulegen. ich bin mitte 60 und kämpfe seit 9 jahren um die offizielle betreuung meiner demenzkranken mutter, wegen der ich, all meine sozialen bindungen kappend, 2003 hierher in eine kleinststadt in hessen gezogen bin. das hiesige amtsgericht bekam ende 2009 wind von meiner schwbh und drückte mir prompt eine rechtl. betreuung mit allen aufgabenkreisen für meine mutter aufs auge, die mutter nach einem kh-aufenthalt anfang 2013 direkt in ein heim verwies. zu dem zeitpunkt putzte, kochte, wusch, versorgte, pflegte ich wohlgemerkt bereits 10 jahre mutter, die betreuung erschöpfte sich darin, sich an mutters konto zu bedienen. sie flehte mich bei jedem besuch weinend an, sie wieder nach hause zu holen, was ich wg. der gerichtlich beschlossenen betreuung nicht konnte, anträge meinerseits auf aufhebung der rechtl. betreuung wurden abgelehnt. soweit, so schlecht. mutters ersparnisse sind durch heimkosten, honorar für die rechtl. betreuung und monatliche gerichtspauschale aufgezehrt (+ dubiose auflösungen verschiedener anlahen…), jetzt sind beide seiten bereit, den betreuungsbeschluss aufzuheben. was für ein zufall! können sie doch nicht mehr als „vermögend“ abrechnen. da ich unterhaltspflichtig bin, wird das für mich finanziell nochmal enger, von meiner rente (ca 1230,19 euro) knapse ich seit dem heimaufenthalt geld für mutters bekleidung, kosmetika, nicht verschreibungsfähige medikamente und pflegemittel, fußpflege, friseur und kleine extras wie radio, zimmerdeko,kuscheltiere etc ab, ca 130/monatich, ab, dazu kommen nun weil betreuung, gericht und heim mutters !!!VON NIEMANDEN KONTROLLIERT!!!! erspartes restlos abgeräumt haben, die heimzuzahlungen von ca. 700 euro monatlich. die auszahlung meiner lebensversicherung -12.000. habe ich für letzteres angelegt, das wird etwas über 17 monate reichen. das heißt auch, daß ich weiterhin am existenzminimum und darunter lebe, einen schonbetrag habe ich längst nicht mehr, bin oft im minus, wenn etwas extra -z.b. eine dringende reparatur, die ich selber + alleine nicht ausführen konnte-, fällig war. zu meiner behinderung kamen etliche erkrankungen durch mangelernährung wie belastungsbrüche und zahnausfall. festsitzender zahnersatz ist natürlich reine utopie. seit 2016 bin ich an krebs erkrankt, wieder kosten für krebs- therapiebedingte ausgaben, adäquate therapien sind für mich unerschwinglich, selbst fahrtkosten zu bisher 4 op´s wurden von der kasse verweigert: ich hätte nur ein „g“, kein „ag“ im ausweis. daraufhin habe ich ein antrag beim versorgungsamt gestellt: abgelehnt.
    fazit: noch nie hatte ich vorteile sondern lediglich erhebliche nachteile durch den schwerbehindertenausweis und mutter hat das amtsgericht gleich mit ins unglück gezogen, statt, wie unter menschen üblich, sich nach benötigter hilfe zu erkundigen. ein traumhafter lebensabend! könnte ich die uhr zurückdrehen, würde ich nie wieder einen schwerbehindertenausweis beantragen. nicht in deutschland, nicht mit berücksichtigung der privatisierungen der nunmehr profitorientiert agierenden einrichtungen wie krankenhäuser, heime, kassen, lwv und und. ganz zu schweigen von der „rechtl“ betreuungsmafia, vor der ich ALLE warnen möchte.

  8. Kathrin Fickardt // März 5, 2018 um 11:05 am // Antworten

    Das spricht mir aus dem Herzen. Ich BIN behindert und das ist eine völlig wertneutrale Tatsache

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