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Rezension – Dich hatte ich mir anders vorstellt: Willkommen im Handicapland!

Kinder mit Down-Syndrom werden heute mit Hilfe von Früherkennung zu 95% abgetrieben. Was passiert aber, wenn alle Vortests unaufällig sind und die Diagnose überraschend erst nach der Geburt feststeht? Ein Vater erzählt in einer Graphic Novel die Geschichte seiner Familie zwischen Ohnmacht, Trauer und Hoffnung.

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Genau wie alle anderen werdenden Eltern, hatten sich auch Fabien Toulmé und seine Frau auf ihr gesundes, zweites Kind gefreut und dann kam Julia. Wie der Buchtitel des Debüts von Fabien Toulmè schon verrät, ist Julia gerade für Fabien nicht das Wunschkind, das er sich vorgestellt hat, denn es wird ziemlich schnell klar, dass mit Julia etwas nicht stimmt. Trotz unauffälliger Voruntersuchungen, wird Fabiens persönlicher Albtraum wahr: Julia hat den Gendefekt Trisomie 21, noch bekannter unter den Begriff „Down-Syndrom“. Für Fabien bricht die Welt zusammen und er beginnt einen langen Kampf um seine Vaterrolle, gegen seine eigenen Vorurteile und letztendlich auch um die Liebe für Julia.
Seinen Kampf hat der Autor in seiner autobiographischen und ersten Graphic Novel „Dich hatte ich mir anders vorstellt“ festgehalten, die vor allem durch ihre Ehrlichkeit heraussticht.

Ehrlichkeit, die fast schon weh tut

Ich besitze eine ziemliche Schwäche für Graphic Novels, umso größer war die Freude darüber, dass endlich mal eine Graphic Novel erscheint, die das Thema Behinderung so direkt aufgreift. Allerdings hatte ich keine großen Erwartungen an den Inhalt des Buches, schließlich war es nicht meine erste Geschichte oder Biographie über die Geburt eines Kindes mit Behinderung. Dass die Eltern nicht gerade in großen Jubel verfallen, ist ja nicht die größte Überraschung.

Dass Fabien Toulmé mich trotzdem kalt erwischt hat, liegt vor allem daran, dass er sich selbst nicht schont. In einem Interview gibt er selbst an, dass er nur einzelne kleine Details verändert hat und ansonsten versucht hat , seine Erlebnisse realitätstreu wiederzugeben. Zu diesem Erlebnissen gehört eben auch sein heimlicher Wunsch, dass Julia bei ihrer Herzoperation stirbt, weil das Leben dann wieder einfacher wird. Detailreich schildert er auch seine monatelange Unfähigkeit Julia auf dem Arm zu nehmen oder auch nur so etwas wie Vatergefühle für sie zu empfinden.

Zwischen Irritation und Erleichterung

Ich habe das Buch mit zwei Herzen in meiner Brust gelesen.  Aus der Sicht einer behinderten Tochter, die ich ja auch bin, wenn auch mit einer anderen Behinderung, habe ich seitenlang ganz schön mit Fabien gehadert, gerade wenn er davon spricht, dass er sich vor Julia ekelt oder dass er ihr heimlich kurzzeitig den Tod wünscht. Auf der anderen Seite habe ich fast täglich mit Menschen zu tun, die große Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen besitzen. Vor diesem Hintergrund habe ich es als große Erleichterung empfunden, das endlich mal jemand von ihnen den Mut findet, all die Gedanken auszusprechen, die nunmal nicht nett aber trotzdem da sind.
Noch ein paar Worte zum Zeichenstil der Graphic Novel, obwohl ich da wirklich keine Expertin bin. Ich mag Fabien Toulmés Stil, der detailreich ist, ohne die Bilder zu überladen und sich gleichzeitig dadurch gut an den Erzählstil anpasst. Als Farbliebhaber habe ich mich besonders gefreut, dass jedes Kapitel seine eigene Grundfarbe bekommen hat, die auch nochmal die jeweilige Atmosphäre unterstreicht.

Ich würde das Buch gerade den Menschen empfehlen, die sich ein Leben mit einem Kind, das behindert ist, (insbesondere eben mit Down-Syndrom) so gar nicht vorstellen können. Ich glaube, dass sie sich hier erstmal ganz gut wiederfinden und ich hoffe, dass sie zusammen mit Julia und Fabien vielleicht einen ersten Anstoß gewinnen können.

dich hatte ich mir
anders vorgestellt …
von Fabien Toulmé
ISBN 978-3-945034-34-7
250 Seiten, farbig, Klappenbroschüre

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