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Kratzige Inklusion: Irgendwas mit Behinderung

Die Inklusion ist grau und kratzig geworden. Zumindest, wenn es um den Begriff „Inklusion“ geht. Es ist ein bisschen, wie mit dem Lieblingspulli, der von vielen Waschen ganz grau und kratzig geworden ist. Wir wollen ihn nicht wegwerfen und tragen ihn eine zeitlang noch mit Trotz, obwohl wir im Herzen schon wissen, dass wir uns verabschieden müssen. Irgendwann kommt dann der Tag, dieser schreckliche Tag, an dem wir in den Spiegel sehen und nicht mehr ignorieren können, dass „schön“ irgendwie anders aussieht.

Ich für mich stecke gerade noch in der Trotzphase, was die Inklusion angeht. Ich möchte mich noch nicht von dem Wort trennen, weil es ein Schlachtruf ist und weil es ein Wort für alles ist, was ich von der Gesellschaft wünsche. Aber genau da fängt das Wort schon an, kratzig zu werden.

statt buntes Treiben , graue Inklusion?
cc Bild von Pixabay

Apfel, Birnen und Inklusion

Vorletztes Wochenende hatten wir unser zweites Follow Up vom Campaign Boostcamp, wo wir im Schreibseminar gelernt haben, Texte zu schreiben, die möglichst konkret sind. Die besten Texten zeigen am kleinsten gemeinsamen Nenner, was sie im Großen und Ganzen meinen. Wenn du über Apfel und Birnen schreibst, dann sag nicht Obst, sondern Apfel und Birnen. Das Problem ist, das Inklusion so viele verschiedene gesellschaftliche Prozesse zusammenfasst, dass ich teilweise das Gefühl habe, dass wir alle selten selbst ganz genau wissen, was wir damit konkret sagen wollen. Auf der anderen Seite zeigt der Hashtag #behindernisse auf Twitter seit Dienstag ganz gut, wie viel Aufmerksamkeit es erregen kann, wenn wir dann doch mal ganz konkret werden.

Irgendwas mit Behinderung

Noch dazu kommt, dass zumindest mir das Wort „inklusion“ schon teilweise zu den Ohren rauskommt, einfach weil es mich von allen Ecken und Wänden anbrüllt. Bloggerin und Inkluwas-Gründerin Anastasia Umrik hat genau dazu schon vor einigen Tagen einen lesenswerten Text geschrieben.
Bei mir kommt die Müdigkeit vor allem davon, dass ich das Gefühl habe, das wir uns nur noch im Kreis drehen. Der Begriff Inklusion spricht fast nur Leute an, die das Wort um 3 Uhr nachts rückwärts buchstabieren können, im Tiefschlaf. Zumindest ergibt sich das Bild, wenn ich mich auf den Inklusionveranstaltungen umschaue.
Natürlich gehe ich dort gerne hin, weil ich dort viele Leute treffe, die ich kenne und mag. Netzwerken ist ja auch wichtig, wie wir alle wissen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sich das ganze zu einer riesengroßen Blase entwickelt hat, die nur noch selten durchlässig für neue Leute ist. Damit karikiert sich die Inklusion, die ja gerade offen für jeden sein will, immer mehr selbst. Der Begriff „Inklusion“ schafft es selten, Menschen neugierig zu machen. Er ist immer mehr ein Fachwort für „irgendwas mit Behinderung“

Grenzenloser Einschluss

Wir halten also fest: ein neues lieblingspulliwort muss her. Das ist aber genau der nächste Grund, warum ich an der krätzigen Inklusion festhalte, ich sehe noch keinen Ersatz dafür.
Natürlich habe ich mir besonders im Vorfeld zu diesem Beitrag Gedanken darüber gemacht, aber den Stein der Weisen habe ich noch nicht gefunden. Natürlich ist mir auch klar, dass ein anderes Wort kein Allheilmittel ist, um Menschen für eine offene Gesellschaft zu sensibilisieren. Aber irgendwo müssen wir anfangen und Sprache ist immer ein gutes Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Als Testsatz habe ich immer „Veranstaltung für Inklusion“ genommen.
Mein erster Impuls war „Veranstaltung für alle“ trifft den Kern ganz gut, ist aber mindestens so ungenau wie Inklusion, letztendlich fühlt sich wieder keiner angesprochen.
Am nächsten an der Wortbedeutung wäre „Veranstaltung, die alle einschließt“, klingt doof und einschließen ist sowieso ein problematisches Verb, weil es nicht gerade positive Gefühle bei allen hervorruft.
Am liebsten mag ich bisher den Vorschlag eines Assistenten: „Veranstaltung ohne Grenzen“ das ist schön doppeldeutig und strahlt Offenheit aus. Aber besonders genau ist es immer noch nicht und dieses „Ohne Grenzen“ hat meinem Gefühl nach auch schon erste Abnutzungserscheinungen. Natürlich würde auch „Veranstaltung ohne Barrieren“ gehen, aber die Frage ist, kann man wirklich immer alle Barrieren aus dem Weg räumen? Außerdem möchte ich das Wort „Barriere“ irgendwie nicht damit habe.

Soweit meine Überlegungen bisher, vielleicht hat ja jemand von euch eine schöne Idee, die er mit mir teilen möchte?
Ich würde mich auf jeden Fall freuen, denn der schreckliche Tag vor dem Spiegel ist wahrscheinlich nicht mehr weit entfernt.

3 Kommentare zu Kratzige Inklusion: Irgendwas mit Behinderung

  1. Also, wir sagen: „Wir wollen Vielfalt“.
    Inklusion ist „die Kunst des Zusammenlebens von sehr Verschiedenen“ (Rainer Schmidt).
    Zugegeben, beides passt nicht immer in jeden Fließtext und nur in lange Überschriften.
    LG
    wir-wollen-Vielfalt.de

  2. „Inklusion“ ist immer noch das beste Wort. Es ist kurz und prägnant und läßt sich leicht mit dem erheblich geläufigeren – positiv besetztem – Wort „inklusive“ in Verbindung bringen.

    Die anderen genannten Vorschläge taugen nicht viel, weil sie allesamt zu sperrig sind. Wer mag sich „Veranstaltung, die alle einschließt“ merken? Es hat seinen Grund, warum der Hashtag auf Twitter #Behindernisse heißt und nicht #DingediebehindertenMenschendenAlltagerschweren. Der zweite Hashtag ist genauer, aber der erste hat Schlagwortcharakter. Zudem sind die Vorschläge trotz ihrer Länge inhaltlich nichtssagend. „Veranstaltung, die alle einschließt“ – was heißt das konkret? Wer ist denn „alle“? Und wer fühlt sich von „alle“ angesprochen? Alle heißt zu guter letzt keiner.
    Ganz schlecht ist der Vorschlag „Veranstaltung ohne Grenzen“, der in einer Zeit anhaltend hoher Zahlen von Flüchtlingen mindestens mißverständlich ist und wohl auch das falsche Publikum anlocken dürfte.
    Bleibt „Veranstaltung ohne Barrieren“ übrig. Und auch darunter wird sich Otto Normalverbraucher wenig bis gar nichts vorstellen können. Psychologisch sind diese Slogans ebenfalls fragwürdig, denn wenn mit „ohne“ argumentiert wird, dann sollte das, was danach kommt, negativ besetzt sein, z. B. „Leben ohne Angst“. Aber Wörter wie „Grenzen“ und „Barrieren“ sind das nicht zwangsläufig, denn je nach Betrachtungsweise schützen sie einen auch (vor anderen).

    Von daher spricht eigentlich alles dafür, es beim Wort „Inklusion“ zu belassen. Immerhin hat es inzwischen eine gewisse Bekanntheit, und sei es auch nur „irgendwas mit Behinderung“. Und wenn das Wort „Inklusion“ nur mehr einem abgetragenen Kleidungsstück gleicht, besteht nicht das Risiko, daß es einem Alternativwort nicht ebenso ergehen würde? Ist es nicht vielmehr der Inhalt, der das Wort „Inklusion“ unattraktiv erscheinen läßt?

    Da ist zum einen der Fakt, daß das Stichwort Inklusion eigentlich immer als Frustabladeplatz von behinderten Menschen herhalten muß. Was man da zu lesen oder hören bekommt, ist oft genug wirklich empörend, aber zum einen stumpft man ob der schieren Menge ab, zum anderen vrbindet man mit Inklusion dann viele negative Dinge und das Positive fehlt.

    Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, daß Inklusion sehr weitreichend ist, weil es „die“ Behinderung schlichtweg nicht gibt. Es gilt, vielen verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Für Außenstehende ist das verwirrend. Überspitzt formuliert: „Jetzt habe ich dem Rollstuhlfahrer seine Rampe finanziert und trotzdem ist der Blinde immer noch nicht zufrieden.“

    Da wäre dann der alles entscheidene Punkt, woran es beim Stichwort „Inklusion“ hakt: Es gibt kein Angebot für Nichtbehinderte, zumindest keines, von dem Nichtbehinderte einen konkreten persönlichen Nutzen hätten. Inklusion kostet Geld. Geld, das an anderer Stelle fehlt. Statt irgendwelche Rampen zu bauen, könnte man das Geld zur Sanierung der Straßen nehmen, Flüchtlingsheime bauen, Schulen besser ausstatten usw. Behinderte Menschen stehen also in einem Verteilungskampf um staatliche Ressourcen. Als Nichtbehinderter kann ich den Nutzen einer intakten Straße für mich erkennen. Gleiches gilt etwa für die schulischen Ausgaben, da sie meinen Kindern zugute kommen. Aber was für einen Nutzen hat ein Nichtbehinderter z. B. von einem Teilhabegesetz?

    Das Wort Inklusion kommt bei Nichtbehinderten nicht an, weil es versäumt wurde nach der Beschreibung des Ist-Zustandes und der Formulierung eines Soll-Zustandes den Nichtbehinderten konkrete Vorteile aufzuzeigen. Nicht mal unter den Älteren hat man sich Verbündete gesucht, obwohl diese mit Gehbehinderten eine gewisse Schnittmenge hinsichtlich Mobilität aufweisen. Behinderte Menschen sind in Deutschland in der Minderheit. Sie haben auch keinerlei Druckmittel, um ihre Interessen durchzusetzen. Oft genug sind sie auf staatliche Hilfe angewiesen. Um so wichtiger wäre es Nichtbehinderte einzubeziehen, die berechtigten Interessen von Behinderten auch zum Intresse der Nichtbehinderten und damit mehrheitsfähig zu machen. Solange das nicht erfolgt, wird das Thema Inklusion weiterhin nur Mauerblümchen sein.

  3. Ein toller Beitrag! Ich danke dir für deine Gedanken.
    Mein erster Gedanke war:
    Veranstaltung für dich und mich (und für uns alle)
    Frei aus dem Bauch heraus – ohne Nachzudenken oder zu werten

    Lg wheelymum

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